Antidot auf Deutsch– erste Kapitel

KAPITEL 1

Josef Karashvili wachte wie immer bei Sonnenaufgang auf. Er sah durch das Fenster seiner kleinen 2-Zimmer-Hütte hinaus auf die Wiese und die Bäume dahinter am Horizont. Er setzte sich auf. Die ersten Sonnenstrahlen an diesem Morgen trafen auf die Bergspitzen des Kaukasus auf der anderen Seite des Tales, ungefähr fünfzehn Meilen von der Hütte entfernt.

Er war hungrig. “Frühstück”, sagte er und schaute hinüber zu Mariana, die nun ebenfalls wach war. Mariana reckte sich wie eine Katze, den Mund weit offen, die Augen zugekniffen, beide Arme über dem Kopf. Sie schien sich am Bettgestell aus dunklem Holz abstoßen zu wollen.

“Mach dir selbst Frühstück,” antwortete Mariana in einem nicht unfreundlichen Ton. Sie streckte ihre Zehen aus, bis sie fast das Fußgestell des Bettes erreicht hatte, drehte sich zu Josef um und schlug mit ihrer flachen Hand auf seinen Rücken.

Josef saß auf seiner Seite des Bettes und schloss die Augen. Er dachte darüber nach, wie er hier angekommen war, was er gestern Abend getan hatte. “Zu Hause,” dachte er. “Endlich zu Hause.”

Die Erinnerung kam wieder: die lange Fahrt zum Flughafen außerhalb von Kiew, dann eine Stunde Verspätung und noch eine Stunde, als ein technisches Problem sich verdoppelte, dann verdreifachte. Air Georgia war nicht für seine Zuverlässigkeit bekannt. Zweieinhalb Stunden Flug und dann die Landung in Tiflis, der Hauptstadt von Georgien. Seine Familie wartete in der Ankunftshalle, direkt hinter der fahrbaren Rampe. Beim Zoll winkte man ihn durch, dann sammelte er seine Taschen, die mit Geschenken für seine Schwestern, seine Mutter und für Mariana gefüllt waren, ein. Zu viel Zeit war vergangen, seitdem er sie das letzte Mal gesehen hatte.

Für die zweistündige Fahrt zu den Bergen des Kaukasus hatten sie sich alle in den Lada seines Vaters gezwängt. Erst nahmen sie die vierspurige Autobahn, dann eine zweispurige Straße, die höher und höher ins Gebirge führte. Die Fahrt hinunter durch zwei Täler, dann über zwei weitere Berge und schließlich die Ankunft in seinem Tal, in seiner Heimatstadt Achmeta.

Sein Vater fuhr zum Haus hin, Josef, seine Schwestern, seine Mutter Irina und Mariana stiegen aus und entluden sein Gepäck. Ilona, seine jüngere Schwester, redete unaufhörlich über ihre Schule in Tiflis, über ihre neuen Freunde, das Essen, die Kleidung, die Jungen. Sie war aufgeregt, das erste Mal in einer großen Stadt zu leben.

Josef war glücklich, er hörte ihr zu. Er konnte sich genau erinnern, wie alles, was er mit sechzehn getan hatte, so neu, so beeindruckend war.

Katarina, seine ältere Schwester, sprach nur wenig. Sie strich über das Haar ihres Bruders und sagte ab und zu “Josef, Josef. Wie gut dich wieder hier zu haben.”

Josef unterhielt sich mit seiner Mutter, seinem Vater, seinen Schwestern. Seine Augen hatte er jedoch die ganze Zeit auf Mariana gerichtet.

Josef und Mariana aßen in Josefs Haus am Stadtrand von Achmeta zu Abend. Josef erzählte Geschichten aus Frankreich, von den Kollegen im Labor, über die fremde und interessante Welt der Ukraine. Seine Mutter lächelte und unterbrach ihn andauernd, um zu fragen, ob Josef nicht noch eine weitere Birne, nicht noch etwas Tzatziki essen wolle.

Josef sog die Gerüche, das Chaos, den Lärm und die warme Atmosphäre bei diesem Abendessen mit seiner Familie in sich auf. In der Luft lag der Geruch georgischer Gewürze: Knoblauch, frischer Koriander, Bohnenkraut, Minze, Paprika. Das Esszimmer sah COMPLEX aus: Hier gab es eine bunte Mischung aus verschiedenen Mustern, Spitzen, Zierdeckchen, kleinen Statuen, Nippes, außerdem hingen Bilder von Christus und Stalin an den Wänden. Wasser- und Weinflaschen, TAKHUNA und selbstgebrannter Birnenschnaps standen auf dem Tisch. Josefs Vater füllte sein Glas immer wieder nach, während Josef von seinem Leben in Frankreich berichtete.

Um Mitternacht stand Josef vom Tisch auf, küsste seine Mutter und seinen Vater und teilte ihnen mit, dass er Mariana nun nach Hause bringen müsse. Er flüsterte Katarina zu “Ich komme nicht vor morgen früh zurück. Dann erzählst du mir, wie es dir geht.” HOW YOU ARE GETTING ALONG Katarina gefiel diese kleine Verschwörung, lächelte und nickte zustimmend. Josef brachte Mariana zur Jagdhütte seiner Familie, weit oberhalb des Dorfes. Sie schliefen erst um vier Uhr morgens ein.

Mariana redete den Rücken von Josef an. “Wie ich merke, halten dich die französischen Frauen in Form, Josef.”

“Sie waren nur eine Zerstreuung, Mariana,” neckte er sie. “Ich musste nach Georgien zurückkehren, um mit einer richtigen Frau zusammen zu sein.”  Josef drehte sich um und gab Mariana einen Klaps auf den Po.

Marianas Augen lächelten. “Ich war schon der Meinung, dass du über den ganzen französischen Suzettes und Anne-Maries deine georgische Frau vergisst, Josef.”

Josef nahm Marianas Gesicht in beide Hände und küsste sie leidenschaftlich. Die Sonne stand schon ein gutes Stück höher am Himmel, als sie endlich aufstanden.

“Frühstück, Frau,” zog Josef sie auf.

Mariana hatte den Kofferraum des Ladas mit Birnen, frischem Bauernkäse und einem regionalen Bauernbrot mit dicker Kruste beladen. Sie durchstöberte die einfach eingerichtete Küche und fand schließlich einen Kessel, um Wasser darin zu erhitzen, und ein bisschen Tee. Der einfache Tisch war innerhalb weniger Minuten gedeckt.

Bei einer Tasse Tee berichtete Josef ihr von dem Leben in Frankreich, seiner Arbeit im Labor und seinen Plänen.

Josef hatte in Tiflis Biologie studiert, bevor er an der Universität Kiew für ein Studium der Mikrobiologie angenommen wurde. Dort wurde er für seine Arbeit zum Thema Genexpression in Staphylococcus aureus ausgezeichnet.

Als großer, kräftiger Bursche hatte Josef in Kiew schnell Freunde gefunden. In Tiflis hatte er Eishockey gespielt und auch in Kiew brachte er sein Team weiter, bevor seine Studien mehr und mehr seiner Zeit in Anspruch nahmen. Auch nach seinem Umzug nach Kiew, war er immer noch mit vielen seiner Teamkameraden aus Tiflis befreundet.

Tatsächlich war Paata AKHMETALI, einer seiner engsten Freunde, noch vor Josef nach Paris gegangen. Während Josef an der Universität Kiew arbeitete, hatte sich Paata einmal mehr bei seinem alten Freund aus Tifliser Tagen gemeldet. Paata hatte Josef eines Abends angerufen.

“Josef, wie gut, mal wieder deine Stimme zu hören. Arbeitest du immer noch so hart mit deinen kleinen Bazillen? Paata hatte Josef immer damit aufgezogen, wie so ein großer Mann Gefallen daran finden konnte, mit Bakterien zu arbeiten.

“Paata, nervst du immer noch die Frauen in Paris? Was ist los, sind die georgischen Frauen für deinen Geschmack zu leidenschaftlich?”

Josef stellte sich vor, wie Paata zögerte und nach einer scharfen Erwiderung suchte. “Nein, ich gebe den Mädchen hier Nachhilfe in Sachen georgische Leidenschaft,” lachte Paata.

“Mal im Ernst, mein Freund. Was hält dich fern von deinem Zuhause und deiner Familie? Meine Schwester Katarina fragt die ganze Zeit nach dir.”

“Ich kann am Telefon nicht darüber sprechen, mein Freund. Aber ich würde es dir sehr gerne persönlich erzählen.”

“Warum? Kommst du zurück nach Georgien, du alter Knochen?”

“Nein, aber mein Team ist gerne bereit, die Kosten zu übernehmen, damit du ein paar Tage nach Paris kommen kannst.”

Josef war verblüfft. Paris. Er hatte ein paar Dinge über die Stadt gelesen, hatte Freunde, die bereits dort gewesen waren. Josef selbst hatte jedoch die ehemalige Sowjetunion nie verlassen. Es sei denn, man zählte ein Seminar über Mikrobiologie in Helsinki vor ein paar Jahren dazu. Für Josef war das keine Reise außerhalb des Gebiets der ehemaligen Sowjetunion.

“Paata, was willst du damit sagen? Weißt du überhaupt, wie viel ich hier zu tun habe?

“Ja, Josef. Dein Professor hat mir erzählt, dass du für ihn unentbehrlich bist.”

Paata hatte es geschafft, ihn zum zweiten Mal zu überraschen. Es stimmte, dass Paata seinen Professor, der ebenfalls aus Georgien stammte, kannte. Aber Josef wusste nicht, dass er ihn kürzlich kontaktiert hatte. Hatte Akhmetali etwas über ihn in Erfahrung bringen wollen?

Paata erklärte Josef, dass er an einem aufregenden Projekt arbeitete, etwas, das Josef ‘sehr interessant’ finden würde. Er drängte Josef dazu, seine Arbeit ein paar Tage ruhen zu lassen und seinen alten Freund in Paris zu besuchen. Obwohl Josef Paata wieder sehen und definitiv auch Paris besuchen wollte, fühlte er sich hin- und her gerissen. Er wusste nicht, mit welchem Team Akhmetali jetzt arbeitete. Sie hatten keinen wirklichen Kontakt mehr zu einander, seit sie vor einigen Jahren erfolgreich ihre jeweiligen Promotionen beendet hatten.

Josef zögerte. “Paata, lass mich erst mit meinem Professor in Kiew sprechen. Ich rufe dich zurück, wenn ich kommen kann.”

Josef setzte sich mit seinem Professor in Verbindung und war überrascht, dass dieser richtig begeistert angesichts der Reise war. “DU/SIE werden ihre Arbeit sehr interessant finden,” erklärte er ihm. Karashvili hatte nicht gewusst, dass sein Professor über die Arbeit von Akhmetali und seinem Team so genau Bescheid wusste.

Vier Tage später landete Josef mit Air Georgia auf dem Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle. Paata holte ihn mit einem großen, alten BMW mit einem Kilometerstand von über 200.000 Kilometer ab. Das Auto roch nach altem Leder und viel zu vielen starken Gauloise-Zigaretten, die in einem zu kleinen Raum geraucht worden waren. “Dieses Auto ist genau so alt wie ich,” sagte Josef und lächelte seinen Freund an.

“Nicht ganz. Es ist zwar alt aus, hat aber einen leistungsstarken Motor und läuft wie geschmiert,” erklärte Paata. “Man weiß nie, wann man mal eine hohe Geschwindigkeit braucht.”

Als sie die Straßen, die vom Ankunftsterminal wegführten, entlang fuhren, sagte Paata “Josef, mein Freund. Ich bin so froh, dass du kommen konntest. Ich vertraue dir jetzt an, dass ich mir nicht sicher war, ob du überhaupt kommen würdest.”

“Das war ich mir auch nicht, mein Freund. Mein Professor hat mich dazu überredet, ohne mir jedoch zu verraten, was du hier machst. Er meinte, ich würde es ‘interessant’ finden. Und lukrativ,” fügte Josef hinzu.

Paata nickte. “Lukrativ? Ja, Josef. Aber nicht nur das. Es gibt uns die Möglichkeit, diesen verdammten Russen eine Lektion zu erteilen.” Zum ersten Mal seit seiner Ankunft ließ Paata wahre Leidenschaft erkennen, als er diese Worte zwischen den Zähnen hervorstieß. Russen. Russen. Die Russen hatten 2016 eine Rebellion auf dem Gebiet der Republik Georgien in einem kurzen, aber blutigen Krieg niedergeschlagen. Josef war zur jener Zeit erst 15 Jahre alt. Er war zu jung zum Kämpfen, hatte in diesem Konflikt jedoch einen Onkel und einen älteren Bruder an die Russen verloren. Der Rest der Welt sah in der Zwischenzeit zu, wie die russischen Truppen Ruhe in ihrem eigenen ‘Hinterhof’ schafften. Entweder konnte die Weltgemeinschaft nicht intervenieren oder sie wollte es einfach nicht.

Paata fuhr recht schnell durch den Verkehr an diesem frühen Nachmittag und schlug vom Flughafen aus die südliche Route auf der Autobahn bis zum Boulevard Péripherique ein. Er bog an der Porte de Clignancourt auf die Umgehungsstraße rund um Paris ein, von der er dann im Südwesten der Stadt wieder abfuhr. Er nahm die Ausfahrt zur A 13 und durchquerte die westlich von Paris gelegenen Vororte Richtung Rambouillet und Chevreuse. Dort befand sich 15 Minuten westlich von Versailles ein Netzwerk aus Tälern und Wäldern. Die Fahrt führte sie nun auf die Route Nationale, vorbei an den Kaninchenkäfigen nicht unähnlichen Hochhäusern mit Sozialwohnungen, vorbei an Möbeldiscountern, Einkaufszentren und billigen 1-Sterne-Hotels für Geschäftsleute aus der Provinz, die nicht viel Geld ausgeben konnten.. Paata fuhr an einem Betriebswerk der Bahn vorbei, verließ die Bundesstraße und überquerte eine Brücke, die über die Gleise führte.

Sobald sie das Betriebswerk hinter sich gelassen hatte, verlief die Straße durch ein dichtes Waldgebiet. Dann folgten weitere Felder und danach erneut Wälder. Sie fuhren bis nach Rodon, einem kleinen Dorf inmitten der Felder und fünf Meilen entfernt von den Wäldern des Kantons Chevreuse.

Paata fuhr vorbei an der Mairie vorbei, dann am Rathaus, einer Bäckerei, einer Kirche aus dem 10. Jahrhundert und ein paar Häusern. Er bog in eine Seitenstraße ein, vorbei an hohen Zäunen aus Stein und großen Toren aus Metall und dann direkt hinein in eine kleine Sackgasse. Drei Häuser die Straße hinunter hielt Paata an, stieg aus und schloss ein großes grünes Metalltor auf. Während Paata das Tor aufdrückte, sah Josef vor sich ein altes, zweistöckiges Bauernhaus, das von Bäumen umgeben war, die bis über das Dach emporragten. Das weiße Mauerwerk ließ erkennen, dass das Haus Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet sein musste, es jedoch von einer Scheune oder einem Stall zu einem Wohnhaus umgebaut worden war. Das Dach war modern und verschiedene große Fenster und Türen waren auf der Vorderseite zu sehen. Der betörende Duft von Jasmin und Rosen erfüllte den Garten, als Paata die Autotür aufmachte.

“Willkommen in unserem Labor,” sagte Paata, stieg wieder ein und parkte den Wagen an der Seite des Hauses.

Josef kletterte heraus, nahm seine Tasche und ging gemächlich zu der kleinen Eingangstür. Er trat direkt in eine kleine Küche ein.

“Josef, willkommen in Tiflis-West!” sagte ein großer Bär von Mann, der Josef mit einem Wangenkuss begrüßte. YEVGENY Gaidar war ein alter Schulfreund aus Achmeta. Er war ein in ganz Georgien berühmter Wrestler, der seit dem Alter von 15 Jahren in der Schwergewichtsklasse aktiv war. Josef hatte nach der Schule keinen Kontakt mehr zu Yevgeny. Er war nach Moskau gezogen, um dort zu studieren, und dann nach Kiew, während er vom Hörensagen mitbekam, dass Yevgeny zum Studium nach Sotschi gegangen war.

“Yevgeny, wo bist du denn abgeblieben? Es ist schon so lange her, dass wir gemeinsam auf der weiterführenden Schule in Achmeta waren,” sagte Josef.

Yevgeny führte Josef zum Tisch in einer Ecke der Küche, auf dem eine nicht beschriftete Flasche georgischen Takhunas und drei Schnapsgläser standen.

Yevgeny machte eine Schau daraus, die Flasche in die Luft zu heben und zeigte sie seinem Freund. “Das ist der echte Takhuna, nicht so ein stinkiger Fussel wie der, den man in Kiew bekommt. Der Nachbar meines Bruders hat ihn in seinem Arbeitsschuppen in Tiflis selbst gebrannt und verschenkt ihn nur an Freunde. Trink aus! Trink auf deine Gesundheit, unseren Erfolg und unsere geliebte Republik Georgien!”

Josef schaute Yevgeny direkt in die Augen, während er nach dem Glas griff, und hielt den Blickkontakt aufrecht, als er den klaren georgischen Schnaps in  einem Schluck hinunterspülte. Er hielt Yevgeny das leere Glas hin und stellte es mit Schwung auf den Tisch, als auch sein Landsmann sein Glas abstellte. “Auf unser geliebtes Georgien!” sagte er. “Auf dass wir bald unsere Unabhängigkeit wiedererlangen,” murmelte Josef.

“Komm, mein Freund. Jetzt zeigen wir dir, warum wir dich bis in dieses kleine Dorf in Frankreich gebracht haben. Yevgeny führte Josef und Paata durch die Küche, vorbei an einem kleinen Wohnzimmer und zu einer Tür, hinter der eine schmale Treppe hinunterführte. Josef fiel auf, dass die ungestrichenen Stufen von langen Jahres des Auf- und Abgehens ausgetreten waren. Am Fuß der Treppe betraten sie einen kleinen Raum, der kaum groß genug war für die drei Männer, einen Tisch, einen einfachen Holzstuhl und ein Bücherregal an einer der irdenen Wände. Eine einfache Glühbirne gab etwas Licht ab. Es roch nach feuchter Erde.

Josef blickte enttäuscht drein. Yevgeny lächelte. Mit einer schwungvollen Geste schob er das Bücherregal zur Seite, das auf unsichtbaren Schienen zurückglitt. Dahinter kam eine weitere Tür zum Vorschein. Als Yevgeny die Tür öffnete, blickte Josef in den Raum dahinter: Ein Labor mit weißen Wänden, 30 Fuß im Quadrat, also sogar noch größer als das Haus über ihnen. Eine junge Frau und ein bärtiger Mann, die beide weiße Laborkittel trugen und beide Mitte zwanzig zu sein schienen, standen an verschiedenen Arbeitstischen. Die Frau blickte kurz von ihrem Mikroskop auf, als die drei das Labor betraten.

Josef erkannte anhand der Ausstattung sofort, um welche Art Labor es sich handeln musste. Er erkannte auf den Tischen die übliche Standardausrüstung, darunter auch Zentrifugen, Inkubatoren und Heißwasserbäder. In den Ecken sah er etwas exotischere Instrumente: ein DNA-Synthesizer, ein automatisches Identifikationsinstrument und ein Instrument zur Beschleunigung des Wachstums von Bakterienkulturen. Außerdem standen in einer Ecke ein 3D Bio-Synthesizer und ein Gerät zur Feststellung von Laser-Holographie. Auch wenn nicht alles der neusten Technik entsprach, war Josef sofort klar, dass dieses Labor in der Lage war, mikrobiologisch zu arbeiten und Synthesearbeiten durchzuführen.

“Wie hast du das geschafft, Paata?” fragte Josef. “Das hier muss dich mindestens, hm… siebenhunderttausend Dollar allein für die Ausstattung gekostet haben.”

Viel mehr als das, mein Freund. Viel mehr. Die Art unser Arbeit, du verstehst, gab uns leider nicht die Möglichkeit, einfach bei OSI anzurufen und etwas aus ihrem Katalog zu bestellen. Wir haben alles durch etwas… wie soll ich es sagen? Über Umwege erhalten.” Paata war sichtlich stolz auf sein Labor und genauso stolz über den ersten Gesichtsausdruck von Josef, als dieser eingetreten war.

Josef war neugierig, hatte aber schon eine Vermutung, worum genau es sich bei der Art Arbeit seiner Freunde in diesem heimlichen Labor handelte. Alle drei waren in derselben Stadt geboren und aufgewachsen. Alle drei hatten Onkel, Brüder oder andere Familienmitglieder durch die immer häufiger werdenden Einfälle der Russen auf georgischem Gebiet verloren. Alle hatten sich über die offensichtliche Ungerechtigkeit von Russlands Herrschaft über Georgien seit der Übernahme aufgeregt. Georgien galt nun als eine “assoziierte Republik”, die von einem Marionettenregime regiert wurde, dessen Fäden in der Hand von Russland lagen. Das Land war nominell unabhängig, stand jedoch unter dem Pantoffel der russischen Herrscher.

Nachdem der Blitzkrieg vorbei war, begann der viel längere Zeitraum der Guerillakämpfe. Josefs Onkel wurde von den Russen während eines Kampfes nahe Sochumi gefangen genommen. Das war vor 16 Jahren gewesen. Diejenigen seiner Kameraden, die überlebt hatten, kehrten zurück, um Josefs Großmutter zu berichten, dass er im Kampf gefallen war. Jahre später hatte einer Josef erzählt, dass sein Onkel in Wirklichkeit von einem russischen Offizier lebend gefangen genommen wurde und zwei Tage lang von der GKU gefoltert worden war. Dann überließen sie ihn den Abchasiern, die ihn umbrachten. Seine Leiche lag eine Woche lang vor dem Gebäude eines abchasischen Militärpostens, bevor man seiner Frau und seiner Familie erlaubte, seine Leiche zu holen und ihn anständig zu begraben.

Josef erinnerte sich an die Nacht vor sechzehn Jahren, als sein Vater zu ihm gekommen war und ihm von Onkel YURIS Tod berichtet hatte. Josef war damals erst fünfzehn gewesen.

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